
Was wäre, wenn Europa ein eigenes soziales Netzwerk hätte? Sogar Institutionen erkennen, dass die großen sozialen Netzwerke zu zunehmend kontroversen Umgebungen werden.
In den letzten Jahrzehnten hat sich das Internet radikal verändert: Ende der 1990er Jahre, mit dem Start der ersten Websites, wurde das Web als völlig offener und freier Raum wahrgenommen. Heute wird die Online-Dimension jedoch stark von einigen Technologiegiganten dominiert. Unternehmen wie Meta und andere wichtige Akteure drängen die Nutzer dazu, auf ihren Plattformen zu bleiben, fördern Doomscrolling und schränken teilweise indirekt den freien Informationsfluss ein, wie er sich zu Beginn des Internets ursprünglich vorgestellt wurde. Tatsächlich bevorzugen die Algorithmen einzelner sozialer Netzwerke interne Inhalte und bestrafen externe Links, wodurch ein fragmentiertes und geschlossenes Surferlebnis entsteht, was in scharfem Gegensatz zu dem Modell steht, das das Internet als eine Reihe miteinander verbundener Gemeinschaften betrachtete. Die Tatsache, dass einige wenige große Unternehmen die meisten digitalen Dienste dominieren, hat tiefgreifende Auswirkungen auf die technologische Souveränität einzelner Kontinente. Diese Plattformen beeinflussen die Aufmerksamkeit von Millionen von Nutzern und bestimmen — an der Quelle, über ihre Systeme —, welche Arten von Inhalten am meisten beworben werden, welche Informationen leichter verbreitet werden und wie die Menschen miteinander in Kontakt treten. Darüber hinaus monetarisieren große US-Unternehmen die von ausländischen Nutzern, insbesondere Europäern, bereitgestellten Daten. Oft zahlen sie im Vergleich zu ihren Einnahmen relativ niedrige Steuern und umgehen lokale Vorschriften.
@steffendmeyer We need a European Social Network. #europeunited #europe Originalton - SteffenDMeyer
Die Erfahrung der US-Präsidentschaftswahlen 2016 — mit dem Fall „Russiagate“ — hat gezeigt, wie Plattformen wie das aktuelle X oder Facebook ausgenutzt werden können, um demokratische Prozesse zu beeinflussen, was Bedenken hinsichtlich Wahlen auf anderen Kontinenten, einschließlich Europa, aufkommen lässt. So wurde beispielsweise kürzlich die erste Runde der rumänischen Präsidentschaftswahlen abgesagt, die ursprünglich vom ultranationalistischen Überraschungskandidaten Călin Georgescu gewonnen wurde, weil der Geheimdienst des Landes eine russische Einmischung zu seinen Gunsten entdeckt hatte. Georgescu wurde später von den neuen Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen, die dann von dem proeuropäischen Kandidaten gewonnen wurden. In Fällen wie diesem befürchten die europäischen Institutionen, dass die großen sozialen Netzwerke allmählich übermäßigen Einfluss auf kritische Kommunikationsinfrastrukturen gewinnen, was sich direkt auf die Entscheidungen der Menschen auswirkt.
Ein möglicher Ausweg aus der Dominanz großer US-Plattformen ist die Entwicklung europäischer Alternativen, die auf offenen und dezentralen Protokollen basieren — auch wenn nicht jeder von diesem Ansatz überzeugt ist. Solche Technologien würden nicht nur bestehende soziale Netzwerke replizieren, sondern in deren Betriebslogik eingreifen: Der Nutzer ist nicht länger eine Entität, von der Tracking-Daten für Werbezwecke extrahiert und monetarisiert werden, sondern der eigentliche Eigentümer seines digitalen Raums. Im Gegensatz zu den geschlossenen Modellen von Meta oder X ermöglicht die Übernahme dieses Standards — der dem sogenannten „Fediverse“ zugrunde liegt — Benutzern, verschiedene Arten von Inhalten (wie Texte, Fotos und Videos) zu erstellen, zu teilen und zu kommentieren oder ihre Kontaktnetzwerke zu verwalten, ohne an eine einzige Plattform gebunden zu sein. Dieses Protokoll, das die Grundlage von Plattformen wie Bluesky bildet, soll es Benutzern ermöglichen, ihre Profile und Follower zwischen verschiedenen Anwendungen zu übertragen und dabei die volle Kontrolle über die Daten und Algorithmen zu behalten, die bestimmen, was in ihren Feeds erscheint. Dieses offene System ermöglicht es unabhängigen Entwicklern auch, neue Unteranwendungen und Funktionen zu entwickeln, wodurch verhindert wird, dass ein einzelnes Unternehmen ein bestimmtes digitales Ökosystem vollständig dominiert.
In Europa experimentieren bereits mehrere Initiativen mit dem Potenzial dieses Ansatzes. Projekte wie SkyFeed und Graysky verwenden dasselbe Protokoll wie BlueSky, um soziale Umgebungen bereitzustellen, die transparenter sind und den europäischen Vorschriften in Bezug auf Datenschutz und Inhaltsmoderation entsprechen. Gleichzeitig üben Initiativen wie die Kampagne Free Our Feeds oder das Eurosky-Projekt Druck auf die europäischen Entscheidungsträger aus, die Schaffung einer gemeinsamen digitalen Infrastruktur zu fördern, die auf den Prinzipien der Offenheit, Interoperabilität und öffentlichen Verwaltung basiert. Eurosky ist insbesondere bestrebt, Instrumente und Moderationssysteme für Inhalte zu entwickeln, die mit dem Recht der Europäischen Union vereinbar sind und eine solide Grundlage für das Wachstum unabhängiger europäischer sozialer Plattformen bieten. Diesen Initiativen zufolge ist die Investition in offene und dezentrale Protokolle und deren Popularisierung kein völlig utopisches Projekt, sondern eine strategische Entscheidung zur Stärkung der digitalen Souveränität des Kontinents. In der Praxis würde die Schaffung einer sozialen Infrastruktur auf der Grundlage freier Software bedeuten, den öffentlichen Diskurs besser vor externen Einflüssen zu schützen und den Bürgern die volle Kontrolle über die Technologien zu geben, die ihr tägliches Leben und ihre politischen Entscheidungen beeinflussen. Um dies zu erreichen, sind jedoch — über den politischen Willen hinaus — gezielte Investitionen in eine digitale Infrastruktur erforderlich, die offen und pluralistisch gestaltet ist.













































