
Sozialer Wohnungsbau macht nicht den Trend, aber er macht die Stadt Ein neuer Blick auf einen der am meisten vernachlässigten Orte des zeitgenössischen Designs
Es gibt Räume, die das Design immer lieber ignoriert hat. Nicht weil es ihnen an Wert mangelt, sondern weil sie nicht in den Fokus von Repräsentation und Marktlogik fallen. Der öffentliche Wohnungsbau ist ein klares Beispiel dafür. Öffentliche Wohnsiedlungen, die als „Nicht-Orte“ bezeichnet werden, oft als unattraktiv und schwer zu erzählen gelten, sind tatsächlich voller Erfindungen, Geschichten und gestalterischer Anpassungen. In der Design-Nische werden sie jedoch oft als Mangel an Identität, bedeutungsvoller Geschichte oder der ästhetischen Aura wahrgenommen, die die Aufmerksamkeit von Hochglanzmagazinen auf sich zieht. Heute, da Design behauptet, Werte wie Inklusivität, Barrierefreiheit und Nachhaltigkeit zu vertreten — Begriffe, die in Branchenmanifesten allgegenwärtig sind —, könnte man sich fragen: Warum hält diese kollektive Amnesie genau dort an, wo ein so bedeutender und gefährdeter Teil der italienischen Bevölkerung lebt? Wahre Nachhaltigkeit und Inklusion können nicht ohne hochwertige Lebensbedingungen für alle existieren, nicht nur für diejenigen, die sich eine bestimmte Art von Ästhetik leisten können.
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Laut der jüngsten Istat-Volkszählung und den von Federcasa verarbeiteten Daten gibt es in Italien über 850.000 öffentliche Wohneinheiten (ERP), die sich auf etwa 7.000 Stadtteile verteilen und in denen mehr als 2,3 Millionen Menschen leben, eine große Zahl, die oft am Rande städtischer Erzählungen bleibt. Die Wartelisten für den Zugang zu diesen Häusern übersteigen 700.000 Familien, ein deutliches Zeichen für die wachsende soziale Nachfrage. Dennoch befinden sich die meisten dieser Gebäude in einem kritischen Zustand: 40% müssen baulich instandgehalten werden, und nur ein kleiner Prozentsatz wurde in den letzten zwanzig Jahren von einer Sanierung profitiert. Trotz der weit verbreiteten Verschlechterung stellt dieser Wohnungsbestand ein unschätzbares öffentliches Gut dar. Es neu zu entwickeln bedeutet nicht nur, die Lebensqualität von Millionen von Menschen zu verbessern. Es ist eine Gelegenheit, den öffentlichen Wohnungsbau nicht als Last, sondern als strategische Ressource für die Zukunft unserer Städte zu überdenken. Die Geschichte des öffentlichen Wohnungsbaus in Italien ist alles andere als marginal: In der Nachkriegszeit war es der öffentliche Sektor, der mit neuen Wohnformen experimentierte. Einige der heute am stärksten stigmatisierten Viertel wurden tatsächlich von prominenten Namen der modernen Architektur wie Giancarlo De Carlo, Giovanni Michelucci und Gino Valle entworfen. Die Corviale in Rom zum Beispiel ist ein visionäres, einen Kilometer langes Projekt von Mario Fiorentino, das als vertikale Stadt konzipiert wurde — ein ehrgeiziger Versuch, Gemeinwesen und integrierte Dienstleistungen zu überdenken. In Rozzol Melara (Triest) koexistieren Brutalismus und Utopie in einer riesigen Struktur, die die sozialen Hoffnungen ihrer Zeit widerspiegelt. Das Viertel San Siro in Mailand, das derzeit einem umfassenden Sanierungsplan unterzogen wird, ist eine der größten ERP-Entwicklungen in Europa, ein echter urbaner Mikrokosmos mit einer reichen sozialen und kulturellen Schichtung.
Auf internationaler Ebene ist der Kontrast noch markanter. In Frankreich hat das Unternehmen Lacaton & Vassal, Gewinner des Pritzker-Preises 2021, ganze Wohnkomplexe saniert, ohne etwas abzureißen, sondern lediglich Platz, Licht und Wärmeisolierung hinzugefügt. Ihr Ansatz beweist, dass menschenwürdiges Wohnen wiederhergestellt werden kann, ohne das städtische Gedächtnis auszulöschen, indem mit dem Bestehenden gearbeitet wird, anstatt es zu ersetzen. In den Niederlanden werden Sozialwohnungen nach den gleichen ästhetischen Standards entworfen wie Luxusimmobilien: hochwertige Materialien, Gemeinschaftsräume, Aufmerksamkeit für Grünanlagen und Integration in das Stadtgefüge. In Wien leben über 60% der Einwohner in Sozial- oder Genossenschaftswohnungen, die in ein gemischtes Stadtgefüge integriert sind und als Teil der sozialen Vision der Stadt sorgfältig gepflegt — architektonisch eingeschlossen — gepflegt werden. In Italien bewegt sich etwas. Das G124-Projekt von Renzo Piano, das 2013 ins Leben gerufen wurde, umfasste Gruppen junger Architekten an der Neugestaltung von Vororten durch gezielte, kleine, aber symbolische Interventionen und bewies damit den Wert urbaner „Nähte“. In Mailand verwandelte das Kollektiv SuperBarrio einen verlassenen Aler-Raum in ein Gemeinschaftszentrum für Workshops, Veranstaltungen und Ausstellungen — ein beispielhafter Fall von Wiederaneignung von unten nach oben. Im Stadtteil Quarticciolo in Rom ist seit Jahren eine Mischung aus öffentlicher Kunst, Selbstbildung und kollektivem Gedächtnis im Gange, die den Verfall in eine Chance verwandelt. Alles Anzeichen für ein erneutes Interesse an Orten, die lange vernachlässigt wurden.
Such quality, vibrancy and craft
— Philip Oldfield (@SustainableTall) September 10, 2024
108 social housing apartments - that’s right, this is social housing!!!
By Monadnock Architects, Hilversum pic.twitter.com/uXwPxULsMW
Warum schließt zeitgenössisches Design diese Räume also weiterhin aus? Zum Teil ist es eine Frage der Vorstellungskraft: Sozialwohnungen werden als „hässlich“, „traurig“ und „heruntergekommen“ angesehen. Die vorherrschende Ästhetik, die oft von Medien und sozialen Netzwerken geprägt ist, fördert ein Lebensideal, das als eine Art selbstreferentielle Blase fungiert. Das Problem ist jedoch nicht ästhetisch, sondern politisch. Wenn Wohnen ein Recht ist, dann sollte auch Design ein Recht sein, und zwar nicht nur als ästhetische Übung, sondern auch als Instrument zur Problemlösung und Verbesserung der Lebensqualität. Es trägt eine ethische Verantwortung, nicht von diesen Realitäten wegzuschauen. Für den öffentlichen Wohnungsbau zu entwerfen bedeutet nicht, auf Exzellenz zu verzichten. Es bedeutet, es auf komplexe Kontexte anzuwenden, in denen sich jede Designentscheidung direkt auf die Würde, Gesundheit und Chancen einer Gemeinschaft auswirkt. Wir brauchen eine neue Vorstellung von öffentlicher Ästhetik, eine, die nicht in der Mitte, sondern an den Rändern beginnt und die den öffentlichen Wohnungsbau nicht als ein Problem betrachtet, das es zu lösen gilt, sondern als fruchtbaren Boden für Experimente, Innovationen und Koexistenz. Denn am Ende sind, wie Renzo Piano klug bemerkte, „die Vororte die Stadt der Zukunft“.











































