
Marc Jacobs und die Widmung an die Dankbarkeit für SS27 Gestärkt durch den Ausstieg aus der LVMH-Gruppe vereint der amerikanische Designer vergangene Referenzen und Respektlosigkeit in einer rasend schnellen Show
Marc Jacobs war schon immer eine Stimme, die aus dem Rahmen fällt. Selbst in New York, wo sein Name unter den Großen der amerikanischen Mode verehrt wird, hat sich der Designer stets durch seine ungreifbare Originalität einen Namen gemacht. Wir sagen ungreifbar, weil er sich, obwohl er von Insidern und Fans gleichermaßen geliebt wird, nie dem System angepasst hat: Er zeigt außerhalb des Kalenders, folgt keinen flüchtigen Trends (seine persönliche Labubu-Sammlung mal ausgenommen) und hat wenig Interesse daran, eine bedeutende Rolle in einem Luxushaus zu übernehmen, das nicht seinen Namen trägt. Zumindest scheint es so.
Was ihn wirklich interessiert, lässt sich an der SS27 ablesen, der neuen Kollektion, die gestern Abend in der New York Public Library mit einer gerade einmal vier Minuten kurzen Show präsentiert wurde – eine Reihe hyperfarbenfroh gestalteter Looks ohne Finale. Nur durchdachte Teile, konzipiert zum Layern und Kombinieren von Look zu Look, dabei stets mit jener Respektlosigkeit, die uns Jacobs' Geschmack seit jeher so lieben lässt. In einem für die Marke durchaus sensiblen Moment – sie wurde gerade von der LVMH-Gruppe verkauft an WHP Global (Vera Wang, Rag & Bone und G-Star) und die G-III Apparel Group (DKNY, Karl Lagerfeld, Donna Karan) – entscheidet sich Marc Jacobs dafür, mit Gratitude Spaß zu haben, wie der Titel der Show verrät.
Die Referenzen auf der Titelseite
Was diese Kollektion inspiriert haben mag: die Maximalisten der 80er mit Tops und Kleidern aus mattem PVC; die 70er mit einer Farbpalette, die die intensivsten Töne der herbstlichen Erde aufgreift – oder vielleicht doch die 60er mit Neonstrumpfhosen, die als Hosen getragen werden? Marc Jacobs räumt auf Papier mit allen Zweifeln auf und listet sämtliche Kollektionen auf, die die neue Linie beeinflusst haben: von Yves Saint Laurent der 70er bis zur Chanel von Karl Lagerfeld aus den 90ern, von Junya Watanabe SS96 bis zur jüngeren Prada SS07 und Louis Vuitton SS09 (die er selbst entworfen hatte). Zu den Referenzen zählen auch Marc Jacobs SS98 und SS 2000.
In diesen vier Minuten Show werden alle Referenzen deutlich sichtbar: der Accessoire-Reichtum, den Saint Laurent nach seinen Marokko-Reisen auf dem Laufsteg einsetzte, spiegelt sich bei Marc Jacobs in der Fülle von übereinander gestapelten Ketten und Schmuckstücken wider; der Kontrast zwischen Jung und Alt, den Karl Lagerfeld für Chanel pflegte, zeigt sich in der Kombination konventioneller Stücke aus der weiblichen Garderobe wie Cocktailkleider und Hemden mit offen zur Schau gestellter Lingerie. Die Strümpfe glitzern, die Shorts sind extrem kurz oder gar nicht vorhanden, eng anliegende Nylon-Langarmshirts werden unter vollkommen transparenten Kleidern getragen – wie ein Akt der Herausforderung. Die faszinierendsten Looks greifen das Orangerot auf und setzen es bei Hosen, Tops, Strümpfen und Bleistiftröcken ein, wobei das PVC-Material dem Outfit noch mehr Farbe verleiht.
Plastic Extravaganza
In Gratitude, einer geradezu exzentrischen Kollektion, wird Marc Jacobs' Stil paradoxerweise präziser und, soweit man das so nennen kann, minimalistischer. Einerseits begegnen uns auf dem Laufsteg dieselben „Puppen" wie immer – eine Art konstruierter Weiblichkeitsdarstellung, mit der Jacobs seit Jahren spielt (man denke nur an die Krankenschwestern der Louis Vuitton SS08 oder an jüngere Shows wie die FW23, bei der die Models mit demselben Haarschnitt und demselben leeren Blick über den Laufsteg liefen) – doch diesmal war das Ergebnis zwar nach wie vor kommerziell, aber freier. Vielleicht gerade deshalb, weil Jacobs, zurück in Amerika, sich von der schweren Eleganz befreit hat, die ihm die Franzosen von LVMH auferlegt hatten.
Jacobs' persönliche Gefühle einmal beiseitegelassen: Die SS27 ist reich an Teilen, die wir in den kommenden Monaten mit Sicherheit sehr häufig wiedersehen werden – in Modestrecken ebenso wie auf den Straßen von Paris und New York. Darunter die mit Strass besetzten Officer Jackets, die Röcke mit plastikartigen Punkten, die matten BHs und die Miniröcke, die in Kombination mit einem Colourblocking-Bandeau-Top an den Hüften steif abstehen wie die Kleidung einer Spielzeugfigur. In diesem Gratitude steckten wirklich viele Anregungen – vielleicht der Beweis, dass Jacobs nur etwas mehr Raum brauchte, um ein wenig Licht hereinzulassen.



























































