
Hat die KI auch Vinted erobert? Nicht nur Betrug bei Rückerstattungen, sondern auch gefälschte Anzeigen
Der Erfolg von Vinted ist vielleicht auch auf seine menschlichere Seite zurückzuführen. Verkäufern schreiben, über den Preis verhandeln, positive (oder negative) Bewertungen hinterlassen: all das sind Dynamiken, die im Laufe der Jahre dazu beigetragen haben, eine echte Community zu schaffen, die sogar zu Material für Memes und Videos in den sozialen Medien geworden ist. Anders als bei Konkurrenten wie eBay oder Vestiaire Collective war der Dialog zwischen den beiden Parteien stets eines der zentralen Elemente des digitalen Marktes, den die Plattform aufgebaut hat. Und doch scheint genau diese menschliche Komponente heute zunehmend gefährdet zu sein – begünstigt durch die Verbreitung von neuen, durch künstliche Intelligenz befeuerten Betrugsmaschen. Die Rede ist nicht nur von KI-generierten Inseraten, sondern auch von Käufern, die Bilder der erhaltenen Produkte manipulieren, um nicht vorhandene Schäden vorzutäuschen und eine Rückerstattung zu erhalten. Doch wie weit verbreitet ist dieses Phänomen?
Geistershops sind bereits auf Vinted angekommen
@treehousealex Like please stop and take ur own pics, it looks like you’re trying to scam (this person only posted the AI generated pic not even pics of the product) #vinted #report #ai #funny #viral sonido original - princce
In den letzten Tagen rückte das Thema erneut in den Fokus, nachdem die Faktencheck-Website Science Feedback eine Untersuchung veröffentlicht hatte. Bei einer nur wenige Minuten dauernden Analyse der empfohlenen Anzeigen auf Vinted entdeckten die Forscher sechzehn verschiedene verdächtige Profile, fast alle in Frankreich ansässig. Viele erzählten dieselbe Geschichte und behaupteten, von einem Geschwisterpaar betrieben zu werden, um den gleichzeitigen Verkauf von Herren- und Damenkleidung zu rechtfertigen. Das merkwürdigste Detail war jedoch ein anderes: Die eingestellten Produkte entsprachen Artikeln, die auf Shein und Temu für etwa die Hälfte des Preises erhältlich waren.
Laut der Recherche wird das System durch KI-basierte Dienste noch einfacher gemacht, die es ermöglichen, Produktfotos aus beliebigen Online-Shops in realistische Bilder einer Person umzuwandeln, die den Artikel trägt. Im Grunde kann ein Verkäufer so einen kompletten virtuellen Shop aufbauen, ohne einen einzigen Artikel zu besitzen, und das Originalprodukt erst nach Eingang einer Bestellung kaufen. Eine Art Dropshipping 2.0, das die Einstiegshürde für diejenigen, die betrügerische Aktivitäten aufbauen wollen, noch weiter senkt.
Die neue Betrugsmasche läuft über KI-manipulierte Fotos
Das Problem betrifft jedoch nicht nur Verkäufer. Wie der Corriere della Sera berichtet, nehmen auch die Meldungen über eine neue Betrugsmasche zu, bei der Käufer die Hauptrolle spielen. Nachdem sie ein einwandfreies Produkt erhalten haben, sollen einige Nutzer KI-Tools verwenden, um den Fotos des gekauften Artikels Risse, Kratzer oder andere Mängel hinzuzufügen. Die Bilder werden dann dem Kundendienst als Beweis für einen nie existierten Schaden vorgelegt, um eine Rückerstattung zu erhalten und in einigen Fällen das Produkt trotzdem zu behalten.
Die Glaubwürdigkeit dieser Bilder ist eines der Hauptprobleme. Generative KI-Tools haben mittlerweile ein solches Maß an Realismus erreicht, dass es schwierig ist, einen echten Schaden von einem künstlichen zu unterscheiden – sowohl für automatisierte Systeme als auch für menschliche Mitarbeiter. Im Netz kursieren bereits zahlreiche Fälle, vor allem auf Reddit und in plattformspezifischen Foren, während auch Altroconsumo Meldungen von Verkäufern gesammelt hat, die verdächtige Reklamationen und serielles Verhalten bestimmter Käufer anzeigen.
Ruiniert künstliche Intelligenz den Gebrauchtwarenmarkt?
just got back on Vinted after a couple years off and wooooow there is so much AI on there now
— Beth McColl (@imbethmccoll) June 7, 2026
Es bleibt abzuwarten, wie weit verbreitet diese Phänomene tatsächlich sind und wie stark sie die Zukunft der Plattform beeinflussen könnten. Im vergangenen April hatten wir berichtet, dass Vinted eine Bewertung von 8 Milliarden Euro erreicht hatte, dank einer Sekundärtransaktion unter der Führung des schwedischen Fonds EQT Growth mit einem Aktienverkauf im Wert von 880 Millionen Euro. Ein Meilenstein, der den Höhenflug des litauischen Marktplatzes und die wachsende Bedeutung des Second-Hand-Marktes in der europäischen Wirtschaft bestätigt.
Sollte jedoch die Verbreitung von KI-generierten Inseraten und betrügerischen Reklamationen zunehmen, könnte Vinted vor einer weit größeren Herausforderung stehen als einigen isolierten Betrugsfällen. Vertrauen ist das eigentliche Kapital einer Plattform für den Handel zwischen Privatpersonen, und wenn die Nutzer sie als unsicheres Umfeld wahrnehmen würden, könnten die Folgen nicht nur den Ruf der Plattform treffen, sondern auch ihr wirtschaftliches Wachstum und den Unternehmenswert selbst.











































