
Die Stille des weißen Rauschens der SS27-Show von Lemaire Eine Kollektion, die die Natur in den städtischen Sommer bringt
Alle, die den Sommer in der Gluthitze der Stadt verbringen, träumen von der Stille der Natur. Dazu gehört auch Lemaire, das für seine Show SS27 einen ausgedehnten Holzlaufsteg in die Opéra Bastille in Paris brachte und – zur Erleichterung aller Anwesenden, so kann man sich vorstellen – im Halbdunkel präsentierte. Entscheidend war der Soundtrack aus reinem weißen Rauschen: Vogelgezwitscher, Schritte, Stimmen aus einem Café, ein Telefonat, fallender Regen. Ein Klangteppich, der eine idyllische, regnerische und zugleich ferne Natur beschwor, die als Bühne und diegetischer Hintergrund zugleich fungierte, mit dem die Models interagierten – mal das Gesicht hebend, mal eine Kapuze über die Augen ziehend, als würden sie durch eine Szenerie schreiten, die man sich nur vorstellen konnte.
Der Ton der Show war nüchtern, ruhig, an der Grenze zur Melancholie – wie ein Regentag im Sommer, verbracht in der Stadt. Und tatsächlich spielte die Frühjahrsaison, von der die Kleidung erzählte, weder am Strand noch in den Bergen, sondern zwischen Häuserfassaden und Gehwegen. Ernst, manchmal eilig, manchmal nachdenklich, schritten die Models über den Laufsteg, als würden sie zur Arbeit gehen oder durch einen Park spazieren, gekleidet in Blazer und Trenchcoats in Grautönen, dunklen Brauntönen, leichten, aber dunklen oder blassen Kleidern mit weiten, lässigen Proportionen.
Das sie umgebende weiße Rauschen sprach nicht nur von der realen Dimension, in der die Kleidung verortet ist, sondern auch von jenem praktischen Geist, der bei Lemaire stets neben dem konzeptuellen Anspruch auch die Tragbarkeit in den Blick nimmt. Das Gefühl von Wärme und Sommer wurde indirekt durch von Asien inspirierte Konstruktionen evoziert: wickelartige Hemden nach dem Vorbild japanischer Yukata, Jacken mit koreanischem Kragen, naturmotivische Drucke der Künstlerin Claudine Wick. Andernorts sah man Jeans, die so bearbeitet waren, dass sie Baumrinde imitierten, Schmuck in Form von Tannenzapfen und Tabakpfeifen, transparente Lagen aus sowohl organischen Materialien wie Baumwollvoile als auch synthetischen wie Nylon, die die Grenzen zwischen Schneiderhandwerk und Sportswear verwischten.
Der Sommer, an den das Designer-Duo hinter der Marke dachte, war vielleicht eher dem der Filme von Olivier Assayas wie Fin août, début septembre oder L'Eau Froide verwandt als jenem – ebenfalls nachdenklichen, aber weit farbenfrohere und lichtdurchfluteten – von Éric Rohmer. Eine Saison, die beinahe nordisch anmutet, trotz der Anleihen bei tropischer Schneiderei: Blusen, die wie weite Anoraks mit tief angesetzter Taille wirken, Kleider, die sich drapieren statt zu umschmeicheln oder zu enthüllen, und in der sich die Freiheit der Flipflop in der Stadt mit dem nie erdrückenden Schutz einer schlichten Leinenjacke verbindet. Es ist ein Sommergefühl, das authentisch und niemals klischeehaft ist, bei dem das einzige Zugeständnis an eine gewisse selbstgefällige Raffinesse in der unerwarteten Spange liegt, die einen Ärmel hochhält, in den Details des Trenchcoat-Futters, in der weichen Plastizität einer Tasche.
Das Gefühl ruhiger Sicherheit, das von der Kollektion und ihrer Inszenierung ausgeht, rührt gerade daher, dass die beschwörten sommerlichen Themen sich auf der tiefen Ebene der Kleidungskonstruktion befinden und nicht an der Oberfläche als bloße Botschaft. Wie bei den Schneiderstücken aus Shantung wird die intime Hingabe des Sommers durch implizite Empfindungen und nicht durch explizite Aussagen evoziert. Man kann auch nicht von jener Überheblichkeit sprechen, die gewöhnlich mit dem Gefühl einhergeht, cooler zu sein als alle anderen – etwas, das die Designer in allen Kollektionen des Jahres 2024 auf angespannte und brillante Weise erkundet hatten –, sondern vielmehr von einem Gefühl der Ruhe und Gefasstheit, der Unerschütterlichkeit. Und Unerschütterlichkeit ist durchaus gefragt, wenn man den Sommer in der Stadt verbringt.




































































































