„Scherzetto“ von Mario Martone taucht in die Geister der Vergangenheit ein Außer Konkurrenz in Venedig 83 präsentiert, setzt der neue Film des neapolitanischen Regisseurs auf einen grandiosen Toni Servillo

Scherzetto, der neue Film von Mario Martone, der beim letzten Internationalen Filmfestival Venedig außer Konkurrenz gezeigt wurde und demnächst mit 01 Distribution in die Kinos kommt, ist eine weitere Geschichte, die in einer Wohnung spielt. Hier verlassen die Menschen jedoch auch das Haus: Toni Servillo und Lorenzo Perrotta, Großvater und Enkel, streifen durch das Viertel und entdecken ein Neapel wieder, das wild und dunkel ist, in dem aber Tradition und ein gewisses Staunen noch immer fortbestehen.

Servillos Figur ist ein Illustrator: ein Mann von einigem Ansehen, der nach Mailand gezogen ist und nun nach Neapel zurückkehrt, um auf seinen Enkel aufzupassen, während seine Tochter (Serena Rossi) und ihr Mann (Leonardo Lidi, zuvor in Serpenti zu sehen) auf einer Tagung sind. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Domenico Starnone, der in Italien bei Einaudi erschienen ist. Das Drehbuch wurde gemeinsam von Ippolita di Majo und Martone selbst verfasst.

Die Arbeit in einem begrenzten Raum wie einer Wohnung gibt der Regie Raum zum Atmen und ermöglicht es ihr, schnell eine Form und einen Rhythmus zu finden. Das liegt daran, dass sie sich in gewisser Weise dem Theater annähert und jener spezifischen Dimension mit ihren eigenen Regeln und Eigenheiten. Während er in Neapel ist, soll Servillos Figur an den Illustrationen für ein Buch arbeiten, findet sich aber außerstande dazu; alles, was er zeichnet, entstammt seiner Vergangenheit, der Kindheit, die er in eben jenem Haus verbracht hat, in das er zurückgekehrt ist. Wie in einer Komödie von Eduardo De Filippo wird er von Geistern heimgesucht. Doch diese Geister sind nicht seine Feinde: Sie sind die Summe seiner Erinnerungen, des bereits gelebten Lebens und der Erfahrungen, die ihn zu dem Mann gemacht haben, der er heute ist.

Mit siebzig Jahren ist der Gedanke an den Tod eine Konstante, keine Ausnahme. Und doch lernt man auch, eine gewisse Distanz dazu zu wahren und damit fast kühl umzugehen. Die Beziehung zwischen Servillo und dem jungen Perrotta ist eine der treibenden Kräfte des gesamten Films. Martone gelingt es jedoch auch, andere Momente auf natürliche Weise einzuflechten: die Gespräche zwischen Vater und Tochter, Reflexionen über Kreativität und Kunst, das Wesen des Talents selbst mit seinem fragilen und unberechenbaren Charakter.

Es gibt auch einen besonders eindringlichen Moment, in dem der Film die Unterschiede zwischen sozialen Klassen thematisiert: jene, die eine bestimmte Art von Arbeit haben und sich bestimmte Ausgaben leisten können, und jene, die auf irgendeine Weise das Gewicht des Reichtums anderer tragen – sowohl in rein quantitativer Hinsicht, als Frage der Zahlen, als auch in Bezug auf die Wahrnehmung. Darin zeigt sich Martones Kritik, und die des Films als Ganzes, an der Oberflächlichkeit des Bürgertums – jener Menschen, die nur ihre eigenen Probleme sehen und die Komplexität des Lebens anderer nicht erkennen.

Servillos Figur, die mit den Händen und der Vorstellungskraft arbeitet, stellt eine Art Berührungspunkt zwischen der Realität und verschiedenen Dimensionen dar. Mitunter schroff und mürrisch, versteht er es dennoch, sich auf seinen Enkel einzulassen, der schlagfertig und schnell in seinen Antworten ist. Gegen Ende nimmt Scherzetto eine nahezu traumartige Wendung an, mit fragmentierteren Bildern und der beständigen Beschwörung der Geister, die den Protagonisten quälen. Dennoch gelingt es dem Film, eine grundlegende Leichtigkeit zu bewahren, die die verschiedenen Momente zusammenhält. Servillo beherrscht jede Szene vollkommen und geht mit dem jungen Perrotta in jeder Interaktion souverän um. Sie haben ihre eigene Sprache und ihr eigenes Einverständnis, und das kommt im Laufe des Films deutlich zum Ausdruck.

Der Voice-over, der Scherzetto begleitet, ist niemals übertrieben oder erdrückend; er lässt die Geschichte atmen, begleitet sie und dient sowohl als Stütze als auch als roter Faden. Martone vertraut auf Servillo und versucht zugleich, eine Dimension aufzubauen, die jenseits von ihm existiert, jenseits seiner Darstellung und seiner Figur. Eine Dimension aus Erinnerungen – dunklen, schrecklichen. Die in bestimmten Momenten ans Horrorhafte grenzt. Etwas, das dieser Film besonders gut beherrscht, ist das Erzeugen von Spannung – allein durch eine Geste oder einen bestimmten Blick, eine leichte Neigung des Bildausschnitts oder eine Stille, die ein wenig zu lange anhält, schwer von Suspense.

In Scherzetto koexistieren Vergangenheit und Gegenwart des Protagonisten, aber auch Vergangenheit und Gegenwart einer Stadt – verdammt durch ihre eigene Kreativität und Brillanz und nur oberflächlich frei. Martone arbeitet durch Reduktion: Er zeigt Neapel, ohne es zu zeigen, nutzt seine Abwesenheit, die Besonderheit des Viertels Ferrovia, die alltäglichen Gesten der Figuren. Er thematisiert soziale Klasse nicht durch Rückzug in die Theorie, sondern indem er die Spontaneität des Alltags nachbildet. Er nutzt das Spiel als große Metapher für das Leben und das Alter – und, wenn man so will, für das Kino selbst. Einmal mehr kehrt auf diesem Festival das Thema der Erinnerung als Synthese dessen zurück, was wir sind.

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